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Wie mich mein Beruf fand

Ich wollte nie Tierärztin werden.
Manche Menschen wissen ja schon im Zahnspangenalter, was sie im Leben machen wollen. Ich wusste das noch nicht mal, da hatte ich das Abi schon in der Tasche.
Naturwissenschaften (leider aber nicht das Rechnen*) und Sprachen fand ich gut – aber die anderen Fächer waren auch nicht schlecht. Überall gab es Interessantes, Spannendes – aber auch null Fokus.
Heute würde man das Scannerpersönlichkeit nennen, damals vor 25 Jahren war das unpraktisch. Ich wusste nicht, was und ob ich studieren soll und vor allem, warum. Ganz schlecht.

Und dann – tataaaa! Mein erster Einsatz als Reporterin für eine Tageszeitung. Wie kam es dazu? Meine Tante hatte mir eine Stellenanzeige der Oberhessische Presse vorgelegt, ich ging hin und blieb dabei.
In diesem Jahr feiern mein Beruf und ich Silberne Hochzeit. Und wie im wahren Leben verändert man sich in einer solchen Ehe, entwickelt unterschiedliche Interessen, aber bleibt im selben Bett.  
Wir sind ein paar Mal umgezogen. Erst wohnten wir bei der Zeitung, dann zeitweise in der Magazinredaktion – aber unser Hauptwohnsitz war und ist das eigene Büro.
Mein Beruf ist nicht mehr der, den ich seinerzeit geheiratet habe, aber ehrlich gesagt: Das Make-over steht ihm. Er ist jetzt etwas fülliger als damals (gut genährt quasi), hat vernünftigere Klamotten an und man kann sich auch in den Chefetagen mit ihm sehen lassen.
Und er lässt mir mehr Freiheiten. Gott, was habe ich ihm Zeit geschenkt als unsere Beziehung ernsthafter wurde. Viele Abende und Nächte forderte er Aufmerksamkeit – wie das halt so ist, wenn man der Leidenschaft mehr Platz im Leben gibt als der Vernunft.

Ich habe andere kennen gelernt, das sage ich ganz offen, aber es ist okay für ihn. Denn es gibt auch andere in seinem Leben. Und ich gönne es ihm, denn sie tun ihm gut. Meistens. Manche nutzen ihn aus, foltern und missbrauchen ihn, aber das muss er selbst regeln.
Vieles, was ich heute habe, verdanke ich ihm. Auch wenn es anfangs eine Vernunftehe war und Hormone keine Rolle spielten.

Ich erhebe meine Kaffeetasse auf dich, mein Lieber! (Und ich würde meine Oberhessische-Presse-Tasse dafür nehmen, stünde sie nicht im Schrebergarten) 

*In der Oberstufe hatte ich im Mathe-GK mal schriftlich 4 und mündlich 14 Punkte. Verrückt, oder?

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